Komm wir gehen Oma gießen ...

Es war Zeit. Zeit, endlich einmal wieder zu den Gräbern  zu gehen. Seit vielen Wochen, in denen man sich  immer gesagt hat: Es ist Winter, Charlotte. Die Blumen zerfrieren sowieso gleich ... 

Eine gute Freundin brachte es dann vor ein paar Tagen auch noch auf den Punkt: Die, die jeden Tag auf den Friedhof rennen, wollen nur sich und anderen etwas beweisen. Man kann auch anders trauern. Puuh, Glück gehabt. So eine bin ich natürlich nicht. Ich muss doch niemanden etwas beweisen...

 

Und dennoch war es da - dieses Gefühl. Wer kennt es? Eine Mischung aus schlechtem Gewissen und Ausreden. Wenn meine Mutter das wüsste. Dass die  Blätter sich schon wieder um den Grabstein häufen. Dass die Winter-Gestecke langsam anfangen, zu schimmeln. Die letzten frischen Blümchen waren seit Wochen verwelkt. Den Kalkstein-Engel hatte der letzte Sturm umgestoßen. Das hätte es bei ihr  nicht gegeben. Früher, als sie noch selber hin ging. Zum Vater.  Jede Woche einmal. Nun liegt sie über einem Jahr selber hier. Neben ihm. 

 

Immer wenn ich vor dem Grab  stehe, stelle ich mir ihre Särge vor. Wie sie da unten in der weiß-blau gekachelten Gruft nebeneinander stehen. Früher ist der Vater einmal runter gestiegen.... und sie haben an einem schönen Frühlingstag die Wände gemalert. Haben geschwärmt, wie toll sich die Kacheln aus den Zwanzigern doch da unten machen würden. Es sähe fast wie in einer Küche aus. Und ich habe staunend zugehört. Ein bisschen hat es mich gegruselt. Aber die Vorstellung, dass meine Mutter heute im weiß-blauen Blümchen-Design ihre letzte Ruhe gefunden hat, beruhigt mich auch irgendwie. 

 

Und dann sind wir los gestiefelt. Das Kind und ich. Denn ich genieße seine Lebendigkeit neben mir, wenn ich auf den Friedhof gehe. Sein lautes Trallala. Sein stetes Bestreben, mit dem Betreten des Friedhofes laut los zu singen wie eine Heidelerche. Oma hätte  schon dreimal "gepscht...!" Ich habe das ewige "Das macht man aber nicht auf einem Friedhof" schon lange aufgegeben. Man kam ja nicht mehr hinterher. Wir wollen, dass unsere Kinder mit auf den Friedhof kommen, dass sie mit dem Tod  konfrontiert werden. Weil die Trauer zum Leben gehört. Weil später auch noch jemand zu uns kommen soll.  Weil sie hier vielleicht einen Platz finden können für die Erinnerung.

Aber wir beschneiden sie meistens von Anfang an in ihren Werten. Sie sollen nicht lachen, nicht hüpfen, nicht ständig mit der gelben Plastikgießkanne rumwedeln, ja  nicht den Wasserhahn zu lange auflassen.  Und um Gotteswillen nicht singen. Aber bitte: Das Kind einer Chansonette singt nun einmal. Schon, um ihren Gesang zu übertönen... 

Was aber soll ihnen an einem Friedhof gefallen?

 

Es war  still, Mittagszeit. Die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings genossen wir zusammen   -zwischen den Gräbern unserer Lieben und Freunde. Und ich spürte zwischen all dieser Vergänglichkeit ein unbändiges Verlangen nach Leben. Paradox? Nein. Wir waren Oma gießen und genauso hätte es ihr am Ende auch  gefallen. Das Kind  harkte tiefe Löcher in den Kies, goss 4 Kannen Wasser an den eh schon versumpften Baum vor der Gruft (es hatte  die letzten Tage  getaut) und  fragte mich nach dem ein oder anderen Namen auf den Steinen nebenan. Mit der Harke  klopfte er zum Schluss auf den Grabdeckel: Tschüss, Oma und Opa. Bis bald! 

 

Leben. Mitten auf dem Friedhof. Wie schön. Wie beruhigend.

 

Ich habe meinen Freunden gesagt, dass sie später im Gebüsch an meinem Grab  eine Flasche Schnaps finden werden. Sie sollen dann einen kräftigen Schluck nehmen und auf mich anstoßen. Auf die Erinnerung und das Leben. Ich muss das alles nur noch dem Kind erklären. Einer muss schließlich den Vorrat auffüllen...