Frühlingsgefühle

Da ist er - der Frühling! Von einem Tag zum anderen hüpft uns das Herz förmlich aus der Brust. Wir möchten uns am liebsten sofort das neue kurze Kleid und die leichte Joppe überwerfen, nur um unsere rasierten Beine zu zeigen. Wollen ein Eis im Straßencafé lecken, obwohl der Stuhl einen kalten Hintern verspricht. Egal - was kostet die nächste Blasenentzündung! Oder die Fleischspieße in den Einkaufswagen packen, weil uns der Geruch von Grillkohle in die imaginäre Nase steigt. Und das alles wegen 20 Grad Plus. Die plötzlich da sind. Woher auch immer. Natürlich passend zum Arbeitsbeginn einer Woche.Typisch!

 

Vom Büro aus schmachten wir die Sonne an, hoffen, dass sich das Ganze noch ein paar Tage zieht. Wenigstens bis Freitag. Da könnte man sich ja mit Freunden treffen... Doch meistens wird der kühne Wunsch nicht erhört. Und dennoch siegt der Optimismus in uns. Es ist ein bisschen wie  ein erstes Verliebtsein. Selbst der strengste Winter hat eben Angst vor dem Frühling, lautet ein finnisches Sprichwort. Oder um es mit einem aus Frankreich stammenden Sprichwort zu bekräftigen: Was lange währt, wird gut - Tout vient à point à qui sait attendre ...

 

Nun, mein Mann scheint das alles nicht zu fühlen. Frühlingsgefühle sind etwas für Weicheier. Hormone - total überschätzt. Pah! Das bisschen Serotonin. Dazu braucht Mann doch keine Sonne, das kann man auch mit 5 Tafeln Schokolade hinbekommen. Oder 10 Bier :)

Aber  wehe, ich lege mir abends 5 Tafeln zurecht. Dann wirft er mit diesen Blicken um sich. Und überhaupt. Das war's noch lange nicht. Da kommt bestimmt noch was, scheint sein Blick nach oben zu  sagen. Ein eiskalter Rückschlag. Mindestens... vielleicht auch zwei.

Auch meine Oma beliebte früher zu sagen: Mädchen - zieh dir lieber noch was  Warmes an. Ein Hemd. Wegen der Nierchen.  Und ihr Lieblingsspruch war immer: Märzensonne ist Schmerzensonne!

 

Nun hasse ich Hemdchen im Großen und Ganzen ganzjährig. Aber das ist ein anders Thema. Ich will mich einfach freuen!  Auf den Frühling, die Blumen, ein bisschen Grün und lange Abende mit Wein im Glas und Freunden am Tisch. Dass die Heizung aus bleibt, und man frühmorgens die Vögel wieder zwitschern hört. Ich möchte im Überschwang des Serotonins, dieses Glückshormons feinster Güte, das Gefühl haben, unsterblich zu sein. Oder wenigstens, dass das Leben zu etwas nutze ist.  Ich bin heute regelrecht heim geschwebt. Sogar die Luft roch anders. So wie letztes Jahr - bevor dieser Winter kam. Es hing etwas Vertrautes darin. Und alte Freundschaften sollte man pflegen, nicht wahr?

 

Eure Charlotte